Pathetic Sympathy Seekers

anlässlich der Ausstellung We Recruit Kunstklub Berlin 21. - 29. Okt 2006

Idee, Tonaufnahme: Marcus Gründel

Interview: basierend auf einem Gespräch mit Heike Wetzig

 

Wie seid ihr zu eurem Namen gekommen, und was für eine Strategie deutet sich darin an?

Der Name taucht in dem Buch Pictoplasma auf, er beschreibt Characters, die nicht als Sympathieträger funktionieren. Das fanden wir sehr passend, dieser Versuch niedlich zu sein, irgendwie zu gefallen, der letztendlich scheitert. Man kann den Begriff wirklich auf alle möglichen Sachen übertragen; wir übertragen ihn einmal auf uns selber, dann auf die Kunstwerke, und da kommt diese Idee mit dem Rekrutieren her, dass man allen möglichen Sachen oder Personen diese Eigenschaft zuordnet; dass sie halt versuchen, Sympathie zu erwecken und es nicht schaffen.

Woran liegt das, dass sie das nicht schaffen?

Vielleicht einmal allein daran, dass es zu sehr versucht wird.

Dass es zu bewusst ist.

Ja, genau.

Das ist auch ein ästhetisches Ding, es ist nicht nur inhaltlich zu verstehen. Für uns transportiert sich das alles auch auf einer visuellen Ebene: Es ist eine visuelle Umsetzung, die etwas Inadäquates hat, also zum Beispiel etwas ganz Einfaches total kompliziert zu machen; oder der Versuch, eine tolle Oberfläche zu erzeugen, aber mit den falschen Mitteln, so dass es eben nicht funktioniert.

Wie weit ist eure Performance wichtiger als das Werk? Kann man das irgendwie in Relation setzen?

Unser Anliegen ist, dass die Kunstwerke an sich Mitglieder der Gruppe sind, dass sie uns als Personen gleichwertig sind.

Also, das Rekrutieren begreifen wir eher so, dass man es für sich benutzt - einverleiben ist dafür ein ganz gutes Wort ... , uns zugehörig erklären -, eben auch als Pathetic Sympathy Seekers.

Und umgekehrt, dass ihr -

Ja, dass wir genauso die Kunstwerke sind.

Wir schreiben ja jeder von uns die Pathetic-Rolle zu und haben uns gegenseitig in dem Sinne schon viel früher rekrutiert. Damit ist dann die Sympathie-Erklärung gegenüber der Arbeit der anderen passiert, und somit ist jede einzelne Arbeit von uns Einzelnen schon ein Gruppenmitglied.

Dieses A3-Papier mit den vielen Namen auf dem Ground Plan der Galerie - sind das alles Leute, die ihr kennt oder sind das - Was sind das für Personen, die da namentlich notiert sind?

Teilweise kennen wir sie, teilweise sind sie einverleibt; ganz gemischt.

Da ist noch etwas von der Malerama-Website zu erwähnen, zu der Charakterisierung des Typus, den ihr angenommen habt: der “dysfunktionale Charme”...

(Lachen)

... Ist das auch dieses Selbstironische? Das ist ja eine Art Selbstsabotage. Das, finde ich, geht über Selbstironie hinaus.

Selbstironie kann auch einfach nur Kokettieren sein, und das wollen wir eigentlich nicht.

Genau.

Dann passt Selbstsabotage in diesem Sinne eigentlich besser.

Habt ihr Material, mit dem ihr besonders gern arbeitet, habt ihr Bevorzugungen, Papier zum Beispiel?

In den gemeinsamen Arbeiten der Gruppe ist uns wichtig, dass wir einfaches Material nutzen, mit dem wir schnell auf den Punkt kommen. Mit einfachen Mitteln arbeiten und nicht großartig etwas aufbauschen.

Ich habe da noch so ein Stichwort von der Website: dass ihr “tiefstapeln” wollt. Hat das mit dem Material zu tun, der Schnelligkeit, mit der ihr produziert? Also dieses Manipulieren, die Selbstironie - dieses „sich selbst Sabotieren“ - ist ja eine Ebene von Tiefstapeln, ein anderer Akzent.

Wobei viele gerade eher hochstapeln.

Das passiert viel an Hochschulen. Das Hochstapeln ist auch ein typisches Merkmal von Studenten.

Hochstapeln ist vor allem dieses: Hauptsache, eine gute Oberfläche kreieren.

Die Idee, eine Gruppe zu machen: Hattet ihr Vorbilder oder Anregungen?

Konkrete Vorbilder hatten wir eigentlich nicht. Es gibt schon Gruppen, die wir interessant finden.

Ich glaube, auf ”Bernadette Corporation“ könnte man auf jeden Fall hinweisen.

Oder ”Royal Art Lodge” ist auch eine Gruppe, die wir gut finden.

Kürzlich haben wir ”Janfamily” entdeckt, die auch ziemlich schöne Arbeiten machen. Es gibt schon einige Gruppen, die gemeinsam tolle Arbeiten produzieren, aber wir haben nicht gedacht, wir wollen jetzt auch eine Gruppe sein und auch so schöne Sachen machen...

(Lachen)

...sondern das hat sich einfach so ergeben.

Wollt ihr zu “Bernadette Corporation” vielleicht etwas sagen? Die sind ja recht populär, oder funktionieren - habt ihr eine Idee, was sie interessant macht?

Ihre Uneindeutigkeit. Es bleibt ja eigentlich ganz verschlüsselt, wer da wie arbeitet, und im Prinzip bleibt dann wirklich nur der Name als Marke übrig. Konsumenten werden sozusagen im Ungewissen darüber gelassen, was eigentlich alles dahinter steckt - das ist schon so ein Punkt, der für uns ganz interessant ist.

Sie gehen sehr stark auf dieses Marketing-Ding ein, setzen ihr eigenes Logo ein, reflektieren Marktstrategien allgemein. Das ist nicht hundertprozentig das, was wir verfolgen, aber Elemente daraus interessieren uns auf jeden Fall.

Worum geht es in der Kunst für euch, was ist wichtig? Ihr hattet vorhin gesagt: Entertainment - was ihr für euch selbst in Anspruch nehmt, Humor und so?

Es ist nicht so, dass eine Linie verfolgt wird, womit man irgendwann an einem ganz bestimmten Ziel ankommt. Es ist eigentlich immer nur ein Umgang. Das schätzen wir auch an allen Arbeiten von jedem einzelnen Seeker. - Da du Humor erwähnt hast, möchten wir eigentlich den Umgang mit Realität noch ansprechen, weil letztendlich alle Arbeiten wirklich ein Dazutun zur Realität sind. Wir begreifen Kunst so, dass es eine neue Ebene, ein neues Erlebnis für die Wahrnehmung erzeugt, und dass man sich entsprechend von der Realität distanziert oder auch wieder annähert. Das ist eine starke Auseinandersetzung mit dem Wert der Sache an sich, dass alle PSS eigentlich an einer Sache an sich arbeiten und nicht versuchen, etwas zu erklären, nicht erzählerisch zu sein. Es ist einfach dieser radikale Umgang mit Kunst, den wir mögen.

Ist das denn durchzuhalten, wie ihr das jetzt beschreibt, dieser Anspruch? Es gibt Leute, die sagen, man findet irgendwann ein Thema für seine Kunst, und dann, in Varianten, zieht man immer dies eine Thema sein Leben lang praktisch durch, weil der Mensch soviel gar nicht erfinden kann. Wenn wir mal an Cézanne denken, irgendwann hat er die Idee, und dann setzt er die immer wieder um, versucht sie zu vervollkommnen ...

Unsere Vorstellung von Kunst ist auch nicht dieses Asymptotische: man hat ein Ziel und versucht, sich dem immer anzunähern, schafft dies aber nie.

Bei uns entwickeln sich Arbeiten aus anderen Arbeiten, und dadurch kommt man weiter. Sobald sich was eingefahren hat – so etwas wie ein Trick, wie es irgendwie funktioniert –, ist immer wieder der Anspruch da, neu mit den Sachen umzugehen.

In der ”We Recruit“-Ausstellung ist mir aufgefallen, dass Ähnlichkeiten zwischen den ausgestellten Arbeiten eine Rolle spielen.

Ja, innerhalb der Gruppe gibt es natürlich einen gegenseitigen Einfluss, den wir bei Ausstellungen gezielt hervorheben. Die Arbeiten funktionieren deshalb so gut zusammen. Es wurde z. B. in der Hochschule manchmal als problematisch angesehen und uns gegenüber gesagt, einige Arbeiten gingen zu sehr zusammen. Aber wir haben es uns zum Konzept gemacht, gerade damit umzugehen und es teilweise zu forcieren, auch um Verwirrung zu stiften - oder es zu nutzen, um optisch als Einheit wahrgenommen zu werden.

Ihr lasst die Einzelpositionen sich nicht in den Vordergrund drängen und die Einzelpersonen einfach gar nicht erscheinen?

Richtig. Wir sehen es so, dass es den einzelnen Arbeiten nicht unbedingt etwas wegnimmt, sondern eine weitere Ebene dazu kommt, wenn sie sich untereinander verknüpfen.

Für uns ist nicht Ausschlag gebend, dass immer eine einzelne Arbeit einer einzelnen Person zugeordnet werden kann. Die Arbeiten sollen allein existieren, ohne das Zusatzwissen über die Autorschaft. Daher könnte die Autorschaft der Arbeiten innerhalb der Gruppe auch vertauscht werden.

Diese Idee geht von einem teilautonomen Bild aus. Dass es das autonome Bild nicht gibt, ist klar, es ist immer in einen Kontext eingebettet.

Trotzdem ist die Idee reizvoll, sich als Autor von einer Arbeit los zu machen und in den Hintergrund zu treten, die Arbeit ohne Hintergrundinformationen stehen zu lassen. Man muss sich mal überlegen, was es manchmal für einen großen Unterschied macht, zu wissen, ob die Arbeit von einem Mann oder einer Frau stammt, und was dort alles mit hinein spielt.

Wie schnell werden Wertigkeiten auf eine Arbeit projiziert!

Was haltet ihr von dem Konzept der partizipativen Praxis in Bezug auf eure Ausstellungseröffnung vorgestern, “We Recruit”, gab es da eine Resonanz im Sinne von Beteiligung? Oder was war da überhaupt das Konzept, was wolltet ihr erreichen?

Der Grundgedanke war nie dieses Partizipative, dem stehen wir auch eher kritisch gegenüber, es geht eigentlich mehr darum, das Ganze zu faken; den Leuten das Gefühl zu geben, sie könnten mitmachen, aber es ihnen eigentlich unmöglich zu machen.

 

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